· 

Es ist der schönste Ort, den ich je in meinem Leben gesehen habe.

Es ist der schönste Ort, den ich je auf der Welt gesehen habe.

Wir schreiben Herbst im Jahr 2018. Fünf Tage nach meiner zivilen Hochzeit sitze ich im Flugzeug nach
Hawaii – jedoch nicht um die Flitterwochen zu feiern und auch nicht mit meinem Ehemann. Meine
ältere Schwester begleitet mich die ersten drei von insgesamt zwölf Wochen und wird mit mir eine
Sprachschule besuchen. Unsere Sitze sind jedoch sowohl im Flieger als auch an der Schule getrennt.
Sie sitzt am Fenster, neben ihr eine ältere Lady und deren Ehemann.
Der Mann, John, beginnt das Gespräch mit meiner Schwester und erzählt aus seinem Leben. Sie
reisen ebenfalls via Los Angeles nach Hawaii, denn sie wohnen auf Big Island, Hawaiis grösster Insel.
Am Ende des Fluges habe auch ich John und Lynne kennengelernt und habe einen Zettel im Sack, den
ich wie meinen Augapfel hüte. Darauf steht ihre Mailadresse, denn sie haben mir angeboten, auf
meiner Reise mit meinem Mann, der nachkommen wird, eine Woche lang bei ihnen zu wohnen.
Es war eine geniale Zeit auf Big Island, John bereiste mit uns sieben Tage lang die Insel und Lynne
bekochte uns während der ganzen Zeit mit dem Leckersten, das Hawaii zu bieten hat. Wir wanderten
auf dem Vulkan, waren dabei, als nach dem letzten Ausbruch das neuste Land eröffnet wurde und
gingen an kulturelle Anlässe mit Streetfood und Tanz. Natürlich übten wir uns auch im Surfen und
gingen gefühlt tausend Wasserfälle anschauen. Wie es sich gehört, boten auch wir beim Adieu sagen
an, dass unsere Türe für sie immer offen sei. Tatsächlich, drei Jahre später wollten sie uns besuchen
kommen. Doch leider verstarb Lynne inzwischen und John entschied, die geplante Reise allein
anzutreten und uns trotzdem zu besuchen. Er blieb zwei Tage und reiste danach weiter zu Freunden
in Europa.
Wir dachten, dass wir ihn – 74 jährig- wohl nie mehr sehen würden. Diesen Frühling meldete er sich
erneut und fragte, ob er etwas länger bleiben könne. Unsere zweite Tochter wurde soeben geboren
und trotzdem sagten wir ihm zu. Er blieb einen ganzen Monat. Das offizielle Kinderzimmer haben wir
geräumt, die Kinderkleider in grosse Koffer verstaut und uns arrangiert. John liess sich aber nicht nur
von hinten bis vorne bedienen, im Gegenteil: Er half bei der Kinderbetreuung, hat ab und zu
Mittagessen gekocht und mit meinem Mann viele kleinere Arbeiten ums Haus erledigt und bei der
Installation der neuen Holzheizung tatkräftig mitgeholfen. Wir wollten die Zeit auch nützen, um ihm
die Schönheiten und die Kultur unseres Landes etwas genauer zu zeigen. So war John auf dem
Giswiler Stock bei einem Sonnenaufgang, machte eine Wanderung auf dem Niederbauen, besuchte
ein Schwingfest und eine Ländlermusik-Darbietung. Immer wieder betonte er, dass die Schweiz ein
wunderschönes Land sei und dass er es sehr schätze, wie sich die Menschen da Mühe geben, alles
schön sauber und gepflegt zu halten: Keinen Abfall auf dem Boden, keine Graffitis an den Wänden
und überall schöne Blumen in den Gärten. Er genoss auch die Art der Menschen hier, immer zu
einem Schwatz bereit und mutig, sich nebst verstaubtem englischem Wortschatz auch mit Händen
und Füssen irgendwie zu verständigen.
Es gefiel John also erneut sehr gut bei uns, so dass er den ganzen September auch gleich wieder auf
Besuch kam. John besichtigte mehrere Alpabfahrten, fertigte eine Garderobe für die Kinder an, half
mit beim Brennholz aufbereiten und zeigte uns, wie man Frühlingsrollen kocht. Ganz nebenbei haben
auch wir grosse Fortschritte in der englischen Sprache gemacht. Als Belohnung plante mein Mann
Stefan mit ihm einen erneuten Ausflug, dieses Mal auf den Pilatus. Als sie beide nach Hause kamen,
war John so beeindruckt, dass er sagte: «Es war der schönste Ort, an dem ich je in meinem Leben
gewesen war. 360°, rundherum, einfach perfekt» Wow! Da kommt ein Amerikaner, der schon zig
Reisen auf der ganzen Welt gemacht hat und selbst im Paradies, auf Hawaii wohnt, und sagt sowas
über unsere Heimat.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0